PRENZLAUER BERG KONTROVERS 1976-1990
Die letzten Jahre
Wie aus einem Nebel tauchen sie auf. Die Jobs, die Frauen, die man sich schön trinken mußte, die überfüllten Lokale, Schlägereien, Krach, die leeren Straßen, Putz, der hinter der Tapete rieselte, Bullen an jeder Ecke ... Ich war jung, siebzehn oder achtzehn, arbeitete als Drucker im ND und schlief, meistens betrunken, auf Parkbänken, in Hausfluren oder bei flüchtigen Kneipenbekanntschaften, bevor man mir eine baupolizeilich gesperrte Parterrebude in der Kopernikusstraße in Friedrichshain zuwies; nahe der Warschauer Brücke, inmitten zahlreicher Stampen, aus denen Geschrei und röhrendes Gelächter drang. Das Zimmer war hoch und schmal. Nie schien die Sonne herein. Das Außenklo war winters zugefroren und der Ofen schaffte es nur mit Mühe gegen Zug und Kälte anzukommen. Aber wenn man sich mal einsam fühlte, brauchte man nur die Fenster aufzulassen:
"Tippstn du da?"
"Ach ... nüscht besonderes ... "
"Ich bin Sylvia. Ausm Hinterhaus. Ich hab dich vorhin schon in Juhnkes Bierbar sitzen sehn."
"Is ja n Ding ... Komm doch rein! Dann können wir n bißchen plaudern ..."
"Hast du was zu trinken da?"
"Sicher!"
Es war ganz leicht. Die Geschichten und Gedichte über all die Frauen und Männer aus den umliegenden Straßen, den Kneipen, dem RAW Franz Stenzer und NARVA, dem Glühlampenwerk auf der anderen Seite der Bahngleise, flogen einem zu, interessierten aber niemanden. Die zerknitterten Manuskripte, die ich voller Tippfehler, dafür aber in schöner Regelmäßigkeit verschickte, kamen stets zurück. Schlitzohrige Nutten, Knastologen, breitbeinige Bullen, Asoziale und müde Schlachthofarbeiterinnen, die frustriert und einsam vor sich hinsüffelnd in ihren plüschigen Buden hockten, entsprachen nicht der angemahnten Wirklichkeit. Meine Hoffnungen, je gedruckt zu werden, schwanden immer mehr.
Ich leistete meinen Wehrdienst ab, tingelte von einem Job zum nächsten und wurde Gründungsmitglied von Klick & Aus. Ich erinnere mich noch an unser erstes Konzert im Brecht-Klub, der zum Bersten voll war: Die Leute, noch mal so viele wie drinnen, standen draußen auf der Straße und verlangten lautstark Einlaß. Mein Gesang, der eigentlich ein infernalisches Gebrüll war, kämpfte gegen Baß und Schlagzeug an. Die Texte waren so schlecht zu verstehen, daß es Proteste von der Stasi gab, die nicht recht wußte, wie sie damit umgehen sollte. Ein chaotisches Spektakel, doch irgendwie nicht meine Welt. Nach fünf oder sechs Konzerten verließ ich die Band und zog wie üblich um die Häuser. Lernte Frauen wie die dicke Inge oder die schorfige Madeleine kennen, lachte mit ihnen, fickte, trank und hörte ungarische Tanzmusik. Die Bullen wurden meine ständigen Besucher. Nach einem Kurztrip auf dem Friedhof (man entließ mich, weil ich - angeblich gegen ihren Willen - mit einer geistig behinderten Angestellten geschlafen hatte) erwischte ich einen Job in der Berliner Stadtbibliothek, wo ich den lieben langen Tag herumsaß; Schilder für Karteikästen malte und in anrüchigen halbverbotenen Schmökern las. Die 80er Jahre sollten noch lange dauern. Die Wohnung wurde nach einem verheerenden Rohrbruch zum zweiten Mal baupolizeilich gesperrt. Das Schreiben hing ich an den Nagel.
Florian Günther
im Kino
Sa 05.12 (16h45)
So 06.12. (16h45)
Sa 12.12. (17h15)
So 13.12. (17h15)
Mo 14.12. (20h15)*
Di 15.12. (20h15)*
Mi 16.12. (20h15)
Sa 19.12. (16h30)
So 20.12. (16h30)
(* mit Regisseur Matthias Aberle)
im Lichtblick-Kino,
Kastanienallee 77,
Berlin-Prenzlauer Berg
Tel: (030) 440 58 179,
Do 10.12. (19h00)
Fr 11.12. (19h00)
Sa 19.12. (21h45)
im Kino Krokodil,
Greifenhagener Straße 32,
Berlin-Prenzlauer Berg
Tel: (030) 440 49 298,
