PRENZLAUER BERG KONTROVERS 1976-1990
Entliebung
Für Uns
Wir haben die 80er Jahre genutzt, um sterben zu lernen - und uns dabei gut zu halten. Sind aus Mangel an sozial relevanter Reibung einfache zwischenmenschliche Beziehungen eingegangen, die wir dann verkomplizierten bzw. haben gleich von Anfang an unmögliche Beziehungen geknüpft. Haben Trennungen initiiert, vollzogen und ausgehalten. Waren so wie wir wollten - haltlos. Professionellen Beistand, ob nun staatlichen, privaten oder gar kirchlichen, galt es abzulehnen. Wir waren selbständig und ständig Selbst. Das Selbdritte war der Schatten des Überbaus. Spaltungen waren wir gewöhnt wie das Bröckeln der Gebäude. Der Hintergrund des Gräulichen war die Kulisse unserer Abgehobenheit. Wir waren eine eingeschworene Gemeinde von Nacktspeichern mit einer internen Sexualität. Unser Begehren entstand aus Nähe und menschlicher Wärme, im Rausch natürlich auch aus purer Geilheit. Vorgeschobene Liebe - und welche war nicht vorgeschoben - empfanden wir als Kleinheit und Krankheit. Wir waren eitel wie edle Wilde, redeten uns schön und erfreuten uns aneinander. An den gesetzlichen Feiertagen ruhten wir von den Feierlichkeiten aus. "Wenn's nichts zu feiern gab, soffen wir eben bloß noch; wir waren haarsträubend, und das sehr überzeugend." Geiz, Neid und Eifersucht waren uns nicht fremd, aber verpönt.
In den 70er Jahren hatten wir erfahren, daß der furztrockene - und von uns aus gesehen: steinalte - Staat unsere lebendige Aufmüpfigkeit ablehnte. Er bootete uns aus und ging uns an die Wäsche, mit der wir zumeist beschäftigt waren. Wir fühlten uns dem Arbeiter- und Bauernsalat gegenüber zu nichts verpflichtet. Wir waren in der Enttäuschung, die dem "Training des aufrechten Gangs" voranging, aufgewachsen. Und amüsierten uns so exzessiv wie es ging. Wir waren trotz aller geselligen Umgangsformen privat - und verstanden das als antipolitisch, jedenfalls die Anarchisten unter uns, also ich. Jeder andere Anarchist war eine Abspaltung. Wir waren als Antiautoritäre autoritär genug, um zu wissen, woher der Staat weht. Jegliche Lehrmeinung enttarnten wir als hohles Wissen. Wir entdeckten verdammtnochmal alles selbst, erfanden ohne Scheu alles neu. Der Große Sprung vorwärts war ein Sprung in der Schüssel.
Den Kapitalismus lehnten wir ab, und wären gute Internationalisten geworden. "Wenn man uns gelassen hätte", sagte Lothar Feix später. Wer Kapitalismus in Kauf nahm, reiste mehr oder weniger mühselig aus. Andere gingen trotz einer antikapitalistischen Grundhaltung aus privaten Gründen in den Westen. "wir fühlen uns in grenzen wohl", scherzte Stefan Döring. Erfahrungen machten wir eher durch Krankheiten als durch Reisen, unsere Abenteuer waren Affären. Moden gingen nicht an uns vorbei, aber - "Wer mit der Mode geht, kommt immer zu spät."
Wenn jemand ins System einstieg, dann aus Versehen und ohne nachzudenken. Der Ausstieg wurde begrüßt, gefeiert und staatlicherseits mit Observation belohnt. Wir waren wichtig und berüchtigt. Ruhm und Reichtum waren peinlich. Niemand schrieb Romane. Das Leben hat keine Handlung.
In den 60er Jahren fragten wir unsere Eltern ungeduldig, wann Mond und Mars besiedelt werden, und wann endlich das Geld abgeschafft wird. Wann kommt der Kommunismus? Die zögerlichen Antworten überschritten nach und nach die Jahrtausendwende. Die Gegenwart ist vorbei. "Die Kompostierung des blühenden Lebens" hat stattgefunden. Zeitzeugen sind die Zugezogenen. Die Verteidigung lief in die Irre. Nach zwanzig Jahren Untergang ist keine Versenkung abzusehen. Zwischen minus unendlich und plus unendlich gibt's nur Eins, nämlich ausgerechnet Uns.
Bert Papenfuß
im Kino
Sa 05.12 (16h45)
So 06.12. (16h45)
Sa 12.12. (17h15)
So 13.12. (17h15)
Mo 14.12. (20h15)*
Di 15.12. (20h15)*
Mi 16.12. (20h15)
Sa 19.12. (16h30)
So 20.12. (16h30)
(* mit Regisseur Matthias Aberle)
im Lichtblick-Kino,
Kastanienallee 77,
Berlin-Prenzlauer Berg
Tel: (030) 440 58 179,
Do 10.12. (19h00)
Fr 11.12. (19h00)
Sa 19.12. (21h45)
im Kino Krokodil,
Greifenhagener Straße 32,
Berlin-Prenzlauer Berg
Tel: (030) 440 49 298,
